Donnerstag, März 01, 2007

Dating 2.0 oder "Social Networking vs. Singlebörsen"?

Online Dating News, Hamburg -- 03.02.2007 --

Wir haben neulich an dieser Stelle auf unseren Artikel über die von uns erwarteten Dating Trends für das Jahr 2007 hingewiesen. Unser geschätzer Kollege von Liebepur folgerte daraus, dass wir getreu dem Motto "ein bißchen XING schadet nie" meinen, "dass aus den Flirtbörsen demnächst häufig allgemeine Kontaktbörsen werden". Dies ist so nicht der Fall, deshalb werden wir hier versuchen unsere Meinung zu diesem in letzter Zeit immer mehr diskutiertem Thema zu präzisieren.

Rollen wir das Thema einmal von hinten auf und grenzen die zwei Konzepte voneinander ab. In unserem Online Dating Report 2005 haben wir Online Dating als "internetbasiertes zwischenmenschliches Kontakttknüpfen mit dem Ziel der Etablierung einer erotisch-amourösen Beziehung" definiert. Dem Thema "Kennenlernen" haben sich viele Internet-Dienstleister verschrieben, aber bei weitem nicht bei allen stehen dabei erotisch-amouröse Beziehungen im Mittelpunkt.

"Das Prinzip der Singlebörse basiert schlicht und einfach auf der Übertragung und Weiterentwicklung der aus Tageszeitungen und Stadtmagazinen bekannten Kontaktanzeige auf das Medium Internet. Aus Sicht des Nutzers sind Singlebörsen äußerst transparente virtuelle Marktplätze, auf denen er sich zu seinem Vorteil sehr selektiv potenzielle Partnerkandidaten auswählen kann, aber - als Kehrseite der Medaille - selbst der transparenten Konkurrenzsituation stellen muss. In Anlehnung an diese Marktplatz-Charakteristik hat sich der Begriff "Börse" durchgesetzt. Bei den etablierten Singlebörsen überwiegt eindeutig das Bezahlmodell "Kommunikation nur für Premium-Abonnenten" (Online Dating
Report 2005, S.24/25)

Weisheiten wie "ein Internet-Jahr entspricht sieben realen Jahren" sind hinlänglich bekannt: Als Marktteilnehmer im Web gilt es, ständig offen und extrem beweglich zu sein, um nicht binnen kürzester Zeit obsolet zu werden. In unserem Online Dating Report 2005 ( S.128) stellten wir fest:

"Was US-Branchenkenner und auch wir im Online-Dating beobachten, ist allerdings eine gewisse Stagnation und begrenzter Innovationswille – resultierend daraus, dass die Player sich erstens gegenseitig belauern und das Risiko scheuen, durch gewagte Schritte Erreichtes zu gefährden, und zweitens durch die teilweise beträchtliche Größe (in organisatorischer und technischer Hinsicht) in eine nicht zu unterschätzende Starrheit verfallen. Potenziell existenzgefährdene Entwicklungen in angrenzenden Märkten werden vom Online-Dating kaum wahrgenommen (höchstens belächelt!) und schon gar nicht in entsprechendes Handeln umgesetzt. Als größte Bedrohung sehen wir das
sogenannte Social-Networking an
."

Zu diesem Zeitpunkt bekam man, wenn man den Produktmanager einer Singlebörse nach der Einführung einer größeren Bildergallerie fragte, meist die entsetzte Antwort:" Wir sind doch kein Social Network!" Heute gibt es natürlich bei den meisten größeren Anbietern eine größere Bildergallerie und meistens kann der Inhaber des Profils sich per Filterfunktion auch noch Aussuchen, wer sich welche Bilder anssehen darf (z.B. bei FS24 via VIP-Funktion).

Und weshalb ist das so? Ist Friendscout24 etwa ein Social Network Unternehmen geworden. Sind Applikationen wie eine große Bildergallerie mit Filterfunktion eine Social Networking oder Web 2.0 Errungenschaft? Nein, es ist einfach nur der vorher nicht berücksichtigte Kundenwunsch ( in dem Falle waren es übrigens verständlicher Weise die Frauen, die diese Filterfunktion gefordert haben)verbunden mit dem Wettbewerbsdruck kleinerer Anbieter, die sich mit technischen Innovationen abheben wollten sowie dem Wettbewerbsdruck durch die angrenzenden Märkte gewesen, der die Unternehmen zum Umdenken zwang.

Deswegen halten wir die Diskussion "Social Networking vs. Singlebörsen" eigentlich für verfehlt. Hier gibt es nicht die Regel:"Es geht nur A oder B". So funktioniert das Internet nun mal nicht. Hier gewinnt, wer am besten und vor allem am schnellsten analysiert und sich aus jedem Geschäftsmodel die besten Bausteine nimmt und zu einem noch besseren Geschäftsmodel zusammensetzt. Und in dem Moment, in dem wir diesen Beitrag zu Ende geschrieben haben, wird vieleicht irgendein pfiffiges Kerlchen irgendwo auf dieser Welt eine Idee haben, die das Online Dating revolutioniert und diesen Artikel damit ins Antiquariat wandern läßt.

Aber was sind eigentlich Social Networks genau?

"Online-Dating-Angebote verdammen den Nutzer weitgehend zu einem Einzelkämpfer-Dasein, wie auch der Begriff des "Surfers" an sich schon ein isoliertes Gleiten durch das Datennetz suggeriert. Das menschliche Bedürfnis der sozialen Vernetzung wird fast überhaupt nicht bedient. Genau an diesem Punkt setzen Social Networking Plattformen an, die es ermöglichen Freundeskreise mit bestimmten Interessenschwerpunkten abzubilden und "isolierte Surfer" untereinander zu verbinden und interagieren zu laßen (Online Dating Report 2005, S.128)."

Die meisten Social Networks sind nicht kostenpflichtig, sondern finanzieren sich über Werbung, genauer gesagt man hofft sich irgendwann über Werbung finanzieren zu können. Das Social Networks ein Preminum-Abo-Model etablieren wie bei XING, ist eher selten der Fall, da der Content meist keinen Wert darstellt, für den ein User zu zahlen bereit wäre.

Die eigentlichen Interessenschwerpunkte der Social Networks (MySpace=Musik, Stayfriends=Schulfreunde,StudiVZ=Studenten,...) verschwinden immer mehr und so betont mittlerweile jedes neue (es scheint augenblicklich jeden Tag ein neues SN aus dem Boden zu schießen) Social Network, dass eigentlich jeder bei ihnen mitmachen kann. Diesen Social Networks geht es nänlich nur um das möglichst schnelle Erreichen der kritischen Masse. Dass der Zug ein Mega-Social-Network wie MySpace zu werden schon lange abgefahren ist, dürfte eigentlich jedem bei der Mitgliederanzahl von MySpace, YouTube & Co klar sein, ist es aber wohl doch nicht.

Aufgrund der Größe kann ein MySpace natürlich mittlerweile auch jeden Interessenschwerpunkt der Mitglieder seiner Community abbilden. Nicht umsonst steht auf der deutschen Seite von MySpace, die sich in der Beta-Phase befindet, bei der Frage für wen MySpace geeignet ist, als Antwort unter anderem:"Singles, die andere Singles kennen lernen wollen ". Aber natürlich macht das MySpace noch lange nicht zum wirklichen Wettbewerb für Singlebörsen im Kampf um die ernsthaft auf Partnersuche befindlichen Singles. Für die kleinen, kostenlosen Flirtportale ohne wie auch immer geartete spezielle Ziegruppe werden diese Networks aber auf kurz bis mittelfristige Sicht das Aus bedeuten.

Aufgrund der enormen Größe, der exakten Bestimmung von Zielgruppen, verbunden mit der Möglichkeit die Makro-Zielgruppe in x-beliebige Mikro-Zielgruppen herunterzubrechen, ist ein Modell à la MySpace so interessant für die werbetreibende Wirtschaft. Und nirgendwo sonst fertigen die User von sich aus freiwillig solch eine detaillierte Konsumentenanalyse an, wie in den Profilen und eigenen Blogs der Social Networks! Dagegen sind die Erkenntnisse einer Auswertung der Payback-Karte ja fast schon lächerlich.

Nicht zufällig wurde deshalb im August 2006 eine Kooperation mit Google vereinbart, die vorsieht, dass die Google-Suche sowie Google-AdSense in MySpace integriert wird. MySpace erhält dafür zwischen 2007 und 2010 mindestens 900 Millionen Dollar(Quelle: Wikipedia). Google hatte bei diesem Deal sicherlich das in Zukunft an Bedeutung gewinnende Google Local im Hinterkopf, denn bei MySpace dürfte es selbst für den Pizzabäcker aus NY-Harlem interessant sein, in der Zielgruppe, die dort wohnt und Pizza als Lieblingsessen angegeben hat, Werbung zu schalten. Und auch nicht ganz zufällig dürfte Google ebenfalls noch YouTube für schlappe 1,6 Milliarden USD eingesackt haben. Ob die Aquisition von StudiVZ für angebliche 85 Millionen Euro durch den Holtzbrinck-Verlag sinnvoll war, wagen wir dagegen dann doch zu bezweifeln.

Partnersuche ist bei einigen Social Networks also quasi vom Abfallprodukt zum Nebenprodukt aufgestiegen, zum eigentlichen Kerngeschäft und damit zur echten Bedrohung für die Singlebörsen im Kampf um die ernsthaften Dater aber nicht - noch nicht.

Aber auch hier gibt es die ersten Social Networks, die sich aufs Dating spezialisieren. Und wie fast immer kommt die Innovationsfreudigkeit der Erotikanbieter als erstes zum tragen. So wirbt Fling.com, ein Social Network für Sexkontakte, bezeichnender Weise in Anzeigen mit dem Text:"The MySpace for fuckers!"

Auf NewbieNudes.com laden bereits über 1.000.000 Mitglieder pro Tag über 4.000 neue Nacktbilder oder Erotikvideos hoch und zahlen meistens dafür auch noch, weil sie sonst zum Beispiel die Vids von anderen Mitgliedern gar nicht ansehen können. Das ist doch mal ein Geschäftskonzept: Gib mir Content und zahl auch dafür! Aber es kommt noch besser. Schickt ein Mitglied Traffic zu Newbienudes, damit er sich dort seine eingestellte Gallerie ansieht, so bekommt er Nudles, eine hauseigene Währung gutgeschrieben: "Each time you send a new visitor you will get (1/2 an N cent) 0.005 Nudles. An example is - get 2000 clicks on your link and you'll have enough for a 1 month Premium Membership." Sowas nennen wir ein kreatives Geschäftsmodel!

Bei Multiply.com bekommt der User kostenfrei seine eigene Webseite, mit Fotogallerie (adultpics und vids nur für von einem selbst freigegebenen Kontakt), Videogallerie, Blog, und und und... In dieser Art von Social Networks sehen wir eine sehr große Gefahr für herkömmliche Anbieter von Erotikkontakten. Dies erkennt man schon auf den ersten Blick, denn obwohl die Portale bisher rein englischsprachig sind, erkennt man die nicht unbedeutende Anzahl deutschen Teilnehmer sofort an ihren deutschen Nicks. Fakes sieht man hier übrigens fast nie, denn die werden von der Gemeinschaft sofort entdeckt, gemeldet und eliminiert.

Die Social Networks benutzen übrigens intensiv ein klassisches Marketinginstrument, das die Singlebörsen meist seltsamer Weise vernachlässigen: das Empfehlungsgeschäft. Dies ist um so erstaunlicher, da es doch hinlänglich bekannt ist, dass die Freundschaftswerbung für ein Unternehmen die kostengünstigste Form der Kundengewinnung darstellt.

Amerkanische Unternehmen sind da besonders pfiffig. Ein Mitglied der Redaktion bekam die Tage die Einladung eines seiner MSN-Messangerkontakte an einem Social Network teilzunehmen. Natürlich wurde sich sofort registriert und er kam irgendwann bei der Anmeldeprozedur an den Punkt, welchen Freunden er den ebenfalls das Portal empfehlen möchte. Wer jetzt denkt,dass man dan einfach 5 Kontakte eintragen sollte, liegt aber so was von daneben. Nein, sämtliche Kontakte aus dem MSN- und Yahoo Messanger hatten sich wie von Geisterhand in die Liste eingetragen. Wer das nicht möchte, kann aber ohne Probleme die Häkchen hinter jedem Kontakt manuell entfernen. Das macht natürlich niemand und so hatte das Portal im Falle unseres Redaktionsmitglieds mit einem Schlag über 100 neue potentielle Erstkundenkontakte für genau 0 Euro - GENIAL!

Für uns stellt sich also nicht die Frage welche Form des Angebots das Rennen machen wird, denn es werden auf jeden Fall neue, erweiterte oder gemischte Formen der jetzigen Angebote dass Rennen um das erfolgreichste Dating 2.0 Angebot machen. Auf jeden Fall kann sich kein Online Dating Unternehmen aufgrund stagnierender Mitgliederzahlen mehr leisten auf technische Innovationen oder neue Ideen von Wettbewerbern bzw. aus angrenzenden Märkten nicht zu reagieren.

Und um zu zeigen, wie schnell das Internet ist, zum Abschluss folgendes amüsante Detail: Am 24.02.2006 wies Gebhard Roese zurecht auf das Beispiel match.com hin, die quasi "back to the roots" als Motto verkündet hatten und auf jeglichen "2.0 Schnickschnack" verzichten (ein Punkt, der uns unbegreiflich ist, denn dazu scheint auch zu zählen, dass ein zahlendes Mitglied nicht erwarten kann, dass ein Non-Premium auch antworten darf). Und schon gestern, also genau vier Tage später, berichteten wir dann über die Übernahme von edodo, einem chinesischen Social Network, seitens Match.com. Tja, wenn da nicht einer gemerkt hat, einen Trend verschlafen zu haben. Aber vieleicht ist es ja für die asiatischen Märkte noch nicht zu spät ;-)