Mittwoch, November 23, 2005

Betrugsvorwürfe gegen match.com und YAHOO! PERSONALS

Team SBV, Hamburg -- 22.11.2005 -- Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, wird match.com in einer Klage beschuldigt, Mitarbeiter zu beschäftigen - im Branchenjargon als "date-bait" bekannt - die Mitglieder kurz vor Beendigung der Vertragslaufzeit mit Lock-Emails und sogar gelegentlichen Treffen zu einer Verlängerung der Mitgliedschaft bewegen sollen.

Die Klage wurde Anfang des Monats von der Kanzelei Arias, Ozzello & Gignac LLP in Los Angeles eingereicht. Sie vertritt ihren Mandanten Matthew Evans, der behauptet, genau mit solch einem "date-bait" ausgegangen zu sein, die ihm dann bei dem Treffen die angeblich gängige Praxis bei match gebeichtet habe. match hoffe mit dieser Methode, dass die Opfer ihren Vertrag weiter verlängern und begeistert anderen Mitgliedern von dem netten Treffen berichten würden, um so neue Mitglieder zu gewinnen. Die Frau soll berichtet haben, dass die Lockvögel von match bis zu 100 Verabredungen pro Monat wahrnehmen würden. Die Anklage behauptet außerdem, dass das Unternehmen den"Racketeer Influenced and Corrupt Organization Act"(RICO) verletzt hätte, welcher vornehmlich zur Bekämpfung von organisierter Kriminalität bekannt ist.

match erkärte auf Anfrage, das Unternehmen würde sich zu schwebenden Verfahren nicht äußern. Die Beschäftigung von Mitarbeitern als Lockvögeln stritt Unternehmenssprecherin Kristin Kelly aber aber defintiv ab.

In einer anderen Klage wird
YAHOO! PERSONALS beschuldigt, auf ihrer Webseite Fake-Profile einzustellen, die den potenziellen Kunden suggerieren sollen, dass es wesentlich mehr Mitglieder gibt, als tatsächlich der Fall ist. Die Klage wurde im letzten Monat in San Jose, Californien, eingereicht und wirft YAHOO! PERSONALS Vertragsbruch, Betrug und unfaire Handelspraktiken vor.

Sollten die Klagen erfolgreich sein, dürften beiden Unternehmen Sammelklagen bevorstehen, die bei einem negativen Urteil für die Beschuldigten weitreichende Konsequenzen haben dürften. In US-Dating-Blogs schlug diese News ein wie eine Bombe. Team SBV wird selbstverständlich die News zu diesem Thema weiter verfolgen, bis dahin gilt bei uns die "Unschuldsvermutung".

Das Thema Fakes ist ohne genaue Informationen von Außen ohnehin nur schwer zu Beurteilen, denn es gibt mehrere Fakevarianten:

  • Fake A: Ein Single gibt sich als eine andere Person aus (klingt nach Persönlichkeitsstörung, leider aber gar nicht so selten, meist in der Varation "Mann möchte einmal Frau spielen").
  • Fake B: Ein anderer Anbieter platziert bei fremden Portalen falsche Profile, die nur per SMS oder 0190 Nummern erreicht werden können (ein Problem, mit dem Singlebörsen zunehmend zu kämpfen haben).
  • Fake C: Der Anbieter selbst beschäftigt sogenannte Animateure, die die Singles zu einer Mitgliedschaft überreden sollen. Besonders dreiste Anbieter weisen diese Animateure sogar in ihren AGBs aus und beschreiben ihre Funktion mit "Unterhalten"...
  • Fake D: Dies wäre das bis jetzt uns unbekannte Modell, dass match angeblich anwenden soll. Firmenmitarbeiter geben sich als Singles aus und treffen sich sogar mit Mitgliedern, nur um sie zur Vertragsverlängerung zu bewegen.
Im ersten Moment waren wir beim Lesen der News doch ziemlich geschockt, haben dann aber versucht einmal einzuordnen, wie realistisch die Vorwürfe aus unserer Sicht sein können. Wie unsere amerikanischen Kollegen berichten, wird YAHOO! PERSONALS momentan von Fakeprofilen heiratswilliger Russinnen überschwemmt. Es wird aber stark bezweifelt, dass diese von YAHOO! selber eingestellt werden. Eine solche Vorgehensweise ist durchaus vorstellbar und auch in Deutschland wurde hinter vorgehaltener Hand der ein oder andere Anbieter (gerne vom Wettbewerb) dessen bezichtigt. Wir sehen aber eigentlich keinen Sinn darin, weshalb YAHOO! dies ausgerechnet in dem Markt anwenden sollte, in dem sie bereits eine starke Marktposition erreicht haben. Diese Praxis würden wir eher vermuten beim Start in einem neuen Land, da hier die Datenbanken zwangsläufig am Anfang noch ungefüllt sind. Wie auch immer, die Ermittlungen werden es zeigen.

Zu den Vorwürfen an match stellen sich uns Fragen über Fragen, gewohnt ironisch, gemixt mit einer dezenten Prise Sarkasmus, wie ihn unsere regelmäßigen Leser kennen, die anderen seien hiermit darauf hingewiesen:

  • Wer ist Matthew Evans? Seine Kanzelei gab bisher nur bekannt, dass er für Kommentare nicht zur Verfügung stehe, und beschreibt ihn kurz und knapp als "working professional in his 30s".
    Ist M.E. vieleicht ein verschrobener Verschwörungstheoretiker, der aufgrund einer Nichtberücksichtigung beim Schönheitsverteilungs-Prozess oder fehlender Grundkenntnisse von Balzstrategien bei potenziellen Paarungspartnern keinen Erfolg hat und jetzt versucht sein angeknackstes Ego mit einer dubiosen Klage wieder aufzumöbeln?
  • Und wer ist eigentlich die ominöse Lady? Ist sie verschwunden? Wird sie im Rahmen eines Zeugenschutzprogrammes vom CIA auf einer Ranch versteckt, um sie vor eventuellen Mordanschlägen zu schützen?
  • Vieleicht war Lady X aber auch nur total abgenervt von den Baggerversuchen des M. E. und erfand nach dem ein oder anderen Eierlikörchen diese Verschwörungstheorie, um ihn endlich loszuwerden.

Am meisten fragen wir uns aber, wie der Großteil der deutschen Presse die Kurzfassung von Reuters völlig unkommentiert übernehmen kann. Wird hier gar nichts mehr hinterfragt?

  • Ein Lockvogel trifft bis zu 100 Singles pro Monat? Das wären pro Arbeitstag 4 Treffen. Da die meisten Leute nun mal bis mindestens 17 Uhr arbeiten, hätten die "date-baiter"bis tief in die Nacht zu tun.
  • Und wie viele dieser Lockvögel müsste match wohl beschäftigen? Bei 15 Mio. Mitgliedern in den USA kann man davon ausgehen, dass mindestens 5 Mio. mit dem Service an sich zufrieden sind und ganz alleine in der Lage sind, Dates auf die Reihe zu bekommen (diverse neutrale Untersuchungen bestätigen diese Größenordnung).
    Angenommen, match wäre aus irgendwelchen Gründen hochmotivert, die Zahl der Zufriedenen auf 6 Mio. zu pushen, was ja auch nicht sooo viel an Reputationsgewinn bringen würde. Dann würde match.com 6.000 "date-baiter" organisieren müssen, denn einer schafft ja rund 1.000 Treffen pro Jahr. Was für ein gigantischer Betrugsapparat! Wer soll den denn kontrollieren?
  • Wie werden die Lockvögel eigentlich bezahlt? Per Überstunden? Gibt es eine Erfolgsbeteiligung, sozusagen ein Mitarbeiter-Affiliate-Programm? Oder bekommen die match-Mitarbeiterinnen die Dates quasi als Bonus "on top" aufs Gehalt. In dem Fall müßte man natürlich seitens der US-Regierung die Frage stellen, ob das nicht auch noch als Lohn versteuert werden müßte.

Vieleicht ist M.E. aber einfach nur ein gut bezahlter Strohmann, der von einem Wettbewerber benutzt wird, um damit zu erreichen, dass eine News von Reuters innerhalb von 3 Tagen durch die Weltpresse geht? Wenn dann nach einiger Zeit der Pozess von match gewonnen würde, wäre match trotzdem mit Sicherheit ein gewaltiger Imageverlust enstanden und könnte vom Wettbewerb günstig aufgekauft werden. Oder steckt gar hinter all dem die Al Qaida? Who knows, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten?